Ich habe
Rage Against The Machine gesehen. Live. Mehr als mir je ausgemalt habe, nachdem ich hörte, das Zack sich von Tom Morello und den anderen trennt, alleine durchstarten will und der Rest Chris Cornell, seines Zeichens alter Soundgarden-Sänger und Vollidiot, Asyl bot. An sich ja nichts schlimmes, aber trotzdem: Ich dachte ich könnte nie RATM sehen.
Jetzt habe ich sie gesehen und bin in letzter Zeit immer wieder darauf angesprochen worden, dass sie so schlecht gespielt hätten. Jetzt nicht musikalisch, sondern als Band. Nicht musikalisch, sondern aus der Perfomance, aus dem Entertainment.
Wie das gemeint ist? Nun, man sehe sich alte RATM-Konzerte an: Zwischen den Songs wir zu Widerstand aufgerufen, es wird über das weltweite Übel der Globalisierung und des Kapitalismus geredet. Der Moloch USA ist die größte Gefahr für eine friedliche Zukunft der gesamten Menschheit (was gar nicht mal so weit von der Wahrheit entfernt ist) und die Reichen sind zu reich.
Was ist nun daran heuchlerisch? Nichts. Ganz einfach: Nichts. Jedes Argument stimmt, es ist moralisch alles einwandfrei. Trotzdem war ich froh, das nicht am Konzert hören zu müssen - denn die wahre Heuchlerei lebt im Publikum. Sie schreien nach Marx und Lenin, sie spucken auf den Namen Bush, sie ballen ihre Fäuste gen Himmel und sind bereit ein Teil der weltweiten Revolution für das Gute zu sein - gekleidet in
Levis 501 und RATM Band-T-Shirts um 35 Euro. Mit
globe und
Converse an den Füßen, einem
Volcom-Gürtel um 50 Euro, dem aktuellen UMTS-Handy von
Nokia und einer 8 Megapixel-Kamera von
Casio.
Oakley-Sonnenbrille schützt vor (Ver-)Blendung, das element-Kapperl sitzt dezent asymmetrisch auf dem Haupt. Mit einem Plastikbecher voller Bier um 4 Euro in der Hand, der geleert durch das Publikum fliegt - man hat ja nur einen Euro Pfand bezahlt. Und das ist ja nichts, denn nachher trifft man sich im Partyzelt auf ein Bacardi-Cola um 7 Euro. Das muss mindestens drin sein, wenn man im Vorverkauf 111,18 für das Ticket bezahlt hat. Mindestens.
Gehöre ich denn auch dazu? Habe ich nicht ebenfalls ein Ticket gekauft? Aber wo ist meine Oakley, wo ist mein Markenemblem von Volcom, Billabong oder Rip-Curl? Wo ist mein Festivalshirt? Habe ich nicht. Ich könnte es mir leisten, will ich aber nicht. Ich sitze hinten bei einem Ottakringer Bierstand auf den Absperrungen und sehe mir im Sitzen RATM an. Ruhig, ohne zu Schreien, ohne zu Springen. Ich habe noch einen schmerzfreien Knöchel, von Knien und Hüftgelenken rede ich erst gar nicht.
Ich brauche sie nicht, die Absolution. Die Gewissheit, dass wir mit einem Mini-Kebap um 4,50 Euro in der Hand für eine bessere Welt kämpfen.