Mein Akku ist leer. Das gibt es nicht: Mein Akku ist leer. Er war noch nie leer, höchstens halbleer. Und nachdem der MP3-Player mit halbleerem Akku immer noch funktioniert, ist er dann halbvoll. Der Akku war nie komplett entladen, höchstens halbentladen und dann lade ich ihn von halb auf ganz. Oder von halb auf dreiviertel und am nächsten Tag von halb auf ganz. Aber er war noch nie leer.
Was soll ich jetzt machen? Ich brauche Musik. Ich brauche mein Schutzpolster. Wie soll ich Zug fahren ohne Musik. Egal, ich muss eine Fahrkarte kaufen. Und ich habe noch die Zeitung von gestern.
Ich trete ins Freie, aus dem Bahnhofsgebäude heraus. Rechts neben der Tür sitzen zwei Landproleten mit Musik aus ihren Handylautsprechern. Zu denen setze ich mich nicht, soviel sollte klar sein. Links sind noch zwei Bänke frei.
Ich setze mich, suche nach meiner Zeitung. Der Mann neben mir fragt mich ob ich rauche. Ja, ich rauche. Aber ich habe keine Zigaretten, ich schränke seit 2 Monaten meinen Konsum immer rigoroser ein. Und der Mann stinkt. Er richtet sich auf und zeigt sich in seiner gesamten Pracht: Eine Art Trainingshose, die nur noch aus Fetzen besteht. In blassem Gelb, mit Flecken und Rissen. Ein T-Shirt, mit gebleichtem Aufdruck und eine Daunenweste. 150 Kilo, wahrscheinlich mehr. Keine Schuhe. Er jammert. Er stinkt. Er will 30 Cent, wenn es geht 70. Ich gebe ihm einen Euro. Er stinkt immer noch. Ich werde innerlich ungehalten. Er spricht mit sich. Oder mit mir?
Ein älterer Herr mit Sakko und Taschenbuch in der Hand geht vorbei. Ob er auch 30 Cent habe? Er sieht den Dicken eindringlich an und geht weiter. Dann wendet er sich mir zu, ohne mich anzusprechen. Ohne mich anzusehen. Wendet er sich mir zu? Will er jetzt etwas von mir?
Ich weiß es nicht. Er spricht auf jeden Fall, er redet irgendetwas. Ich habe vorhin keine 5 Worte mit ihm gewechselt, jetzt will er reden. Ich will nicht mit ihm reden. Er stinkt. Er ist sicher faul. Und trinkt. Ich fange an Vorurteile aufzubauen, und einen Moment später fühle ich mich schlecht. Wo ist denn meine Musik?
Ich ziehe meine Zeitung aus der Tasche und gehe den Bahnsteig Richtung Süden, aus seinem Geruchsfeld heraus. Ich setze mich in die pralle Sonne, dort wo das Vordach des Bahnhofgebäudes längst aufgehört hat. Die Zeitung hat einen interessanten Artikel, welcher das Thema Urheberrecht anschneidet. Es ist eine Erörterung, eine Polemik. Es ist irgendwas, ich weiß es nicht. Ich will es nicht wissen, es ist mir egal. Ich war gestern bis 5 Uhr auf den Beinen, eine Hochzeit mit 180 Gästen war zu versorgen. Ich will nur noch nach Graz, ich will die Handymusik nicht mehr hören, auch wenn sie inzwischen etwas leiser geworden ist.
Was mache ich, wenn ich in Graz bin? Schlafen – nein, das kommt am Abend. Sonst ist mein Tagesrhytmus wieder weg. Ich werde mich in den Park legen, mit meiner Sonntagszeitung und einer Decke. Und einer Packung grünem Tee. Mir kommt der Gedanke, dass ich in das Soziologiestudenten-Klischee passe. Nein, dafür müsste ich den Falter oder den Standard lesen. Ich lese die Presse – sofern sie nicht jemand aus meinem Wohnhaus mir von der Fußmatte geklaut hat.
Der Zug kommt.
Er hält nicht. Er bremst ganz langsam und bleibt am nördlichsten Ende des Bahnsteigs stehen. Die Reisenden und Pendler, die sich am Bahnhof eingefangen haben, gehen zum nördlichen Ende. Auch der beleibte Typ macht sich auf, die anderen halten Abstand zu ihm. Er ist der Erste, der am Zugende einsteigt. Alle anderen folgen ihm, durchqueren aber den halben Zug um nicht in seinem Geruchseinzugsgebiet zu sitzen. Großraumwaggons können etwas fatales haben. Ich möchte meine Musik. Die Zeitung habe ich ausgelesen, nichts Neues bietet sie mir mehr. Nichts ist so unspannend wie die Zeitung von vorgestern. Oder gestern. Oder irgendeine andere Zeitung, die man bereits gelesen hat.
Das Wetter ist wunderbar. Die Sonne sticht, die Wolken sind spärlich – außer dort im Norden, dort wo Graz liegt. Dort liegt eine dunkle Wolke am Himmel; von oben hell, aber die Unterseite ist dunkel und diesig. Das kann nicht Graz sein, Graz ist davor. Die Wolke hängt sicher über Peggau, oder Leoben. Oder Linz; was weiß ich. In Graz ist sicher schönes Wetter, immerhin möchte ich mich ja noch in den Park legen.
Station „Flughafen Graz Feldkirchen“. Station „Puntigam“. Station „Graz Hauptbahnhof“.
Ich steige aus. Drängle fast ein wenig, könnte ja sein, dass es anfängt zu regnen und ich möchte vorher noch in den Park. Mir wird meine fehlerhafte Logik erst bewusst, als mir einfällt, dass ich zuerst noch die Straßenbahn nehmen muss, und ich immer auf die Straßenbahn warte. Also ist es egal, wie schnell ich an der Straßenbahnhaltestelle bin.
Die Sonne sticht. Ich möchte mich in den Schatten stellen, aber hier ist keiner. Außer der Schatten im Haltestellenbereich, und dort drängen sich die Leute um einen Platz im Schatten.
Ich stehe etwas abseits, direkt neben einer Sitzbank. Zwei ältere Herren sitzen dort, beide mit eingefallenem Gesicht und verschlissener Kleidung. Zwei verlorene Existenzen würde ein Poet diskriminierend sagen. Vielleicht machen sie das aber gerne, vielleicht sitzen sie gerne an schönen Tagen am Bahnhof und beobachten die Leute. Das Gewusel sozusagen. Ich höre ihrer Unterhaltung zu.
Beide lallen, ihre Sätze sind unterbrochen von Husten, Schlucken, Aufstoßen und anderen Körperreaktionen. Ein Junge hält mit seinem Fahrrad hinter ihnen, er wartet auf die Straßenbahn. Das einzige was mir an dem Jungen auffällt ist seine Zahnfehlstellung, die es ihm kaum ermöglicht mit seiner Oberlippe die Oberzähne zu bedecken. Erinnert mich an meine schiefen Zähne. Ich hatte so schreckliche Zähne. Dem einen der beiden Herren fällt das auf; er beleidigt den Jungen, der daraufhin verschreckt wegfährt.
Verlorene Existenzen.
Die Straßenbahn kommt. Ich steige ein.
Es ist seltsam, was für Leute sich immer am Bahnhof befinden, zumindest immer dann, wenn ich dort bin. Von der Straßenbahn heraus sehe ich sie alle. Dort hinten sitzen zwei Damen mit adidas-Boxerstiefeln und gesträhntem Vokulia. Weiter links liegt ein Herr im Anzug auf einem Betonvorsprung und pennt, die Füße auf einen Mistkübel gelegt. Und zwischen den beiden Blumeninseln gehen gerade 3 besonders Alternative, die sich – ihrem Aussehen nach zu urteilen – gerade auf dem Heimweg von Tibet befinden.
Ich sollte doch nicht immer so abfällig über die Leute denken. Hör auf damit!
Esperanto-Platz. Eine Frau steigt ein, und stellt sich vor mich. Etwa 30 Zentimeter kleiner, aber sicher nicht leichter. Gehüllt in ein Nike-Shirt, Synthetik-Trainingshose und einem Gürteltascherl, dessen Dimensionen sicherlich einzigartig sind. Mit Ohrringen, die aussehen, als würden sie aus Toilettsteinen mit Draht fabriziert werden. Sie sieht ins Nichts, sie sieht mich nicht an. Sie kann nicht sehen, ob ich sie ansehe; meine Sonnenbrille ist verspiegelt. Sie hat einen Gesichtsausdruck, den ich nicht deuten kann. Ist sie wütend, ist sie ängstlich, ist sie traurig? Bevor ich es erkenne steigt sie aus. Ich liebe Graz.
Umsteigen.
In der anderen Straßenbahn fragt eine alte Dame, wohin die Straßenbahn fährt. Wann die nächste Straßenbahn in die Gegenrichtig käme. 5 Minuten lang. Ich kann Graz nicht leiden. Es geht nicht weiter. Bis wir dann endlich doch losfahren. Es leert sich. Langsam wird die Straßenbahn leerer, mit jedem Mal, dass ich näher an meine Station komme.
Ich steige aus, meine Station. Wie jedes Mal umgehe ich diese 3 Flecken auf der Straße, die das Spritzmuster von Erbrochenem haben. Wie lange die wohl schon da sind? Eine gefühlte Ewigkeit! 2 Monate sicher. Nach ein wenig Nachdenken denke ich mir 5 Tage, aber das schöne an der gefühlten Ewigkeit ist, dass man sich außerhalb der zeitlichen Dimension befindet. Sie sind einfach schon zu lange da.
Ich biege in meine Straße ein. Die Sonne kommt hinter den Wolken hervor. Vielleicht gehe ich doch noch in den Park. Nach kurzer Zeit schwitze ich am Rücken – ich gehe sicher in den Park. Mein Schlüssel in der Hand klimpert. Ich sperre meine Haustür auf, ich bin zu Hause.